Der große Sog

Ich hatte sie beiläufig gefragt, wo sie hinwollten, sie schauten mich an, während sie weiterliefen. Ihre Haare wurden nach vorne geblasen, vielmehr gesogen. Sie hoben ihre Hände in die Laufrichtung, ganz nach vorne.
Es war ein großer Sog.
„Halt, Stopp! Sagen Sie mir doch.“ Sie schauten mich unverständig an – keine Zeit. Der Sog war so stark und die Hände nach vorne ausgestreckt, als ob sie geführt würden. Fast wie hilflose Personen. (Und was ich anfangs für ein Gebläse hielt, war ein riesiger Sog)
Sie blickten mich an, als wollten sie mir noch etwas sagen, da zog es sie nach vorne, weiter, weiter hinein in den großen Sog.
Die langen Haare der Frauen, die T-Shirts der Männer, Radlergruppen fuhren alle in dieselbe Richtung, ganz vorne saugte etwas Verrücktes Menschen in sich hinein.
Ich ging ein Stück weiter – nun in die Gegenrichtung. Ich wollte verstehen, wo sie herkämen, wo sie hingingen, was sie antreibt und warum sie sich zum Sog hingezogen fühlten. Der große Sog, der sie alle vereinnahmte. Sie sprachen eine Sprache, dachten dieselben Gedanken, demonstrierten für dieselben Ziele, sie waren eins.
Befremden oder Nichtzustimmung überhörten sie aufgrund des starken Windgeräuschs.
Es war ihnen unangenehm, aus dem Strom herauszutreten, sich meine abwehrenden Worte anzuhören. Sie beschwichtigten mich, „wir haben keine Zeit, wir wollen dich nicht hören. Ach, das hab ich früher auch geglaubt, das ist von meiner Oma.“

der große Sog
Schleiften Perlen wie Säue.

Nach mehreren Kilometern entgegen der Laufrichtung der angesaugten Menschen wurde es etwas leichter möglich nachzufragen, „was treibt euch an? Wo wollt ihr hin? Wo lasst ihr euch hinziehen, was ist euer Ziel?“

Und sie erklärten mir die Menschenrechte, sie forderten, dass alle Menschen überall alle gleich sein dürften, sollten, und niemand über ihnen stehen dürfe, nur das Dogma, dass freie Sexualität für alle zu jeder Zeit auszuüben wäre und, dass dem alles unterzuordnen wäre. Und dass der Trieb ein Reiner sei, dem ordneten sie sich unter. Sie schrieben die Gebote auf Tafeln, die sie unter ihren Armen trugen wie Steintafeln, wie Lasten unter ihren Armen. Gepeinigt von der Last der Sexualität.
Ihre Lippen waren blutrot und ihre Augen… Die Lust hatte die Seele nicht geheilt. Verwundert rieb ich mir die Augen.
Sie zogen weiter.

Dann diese verwirrten Gestalten, Philosophinnen, Frauen, die erklärten, es gäbe kein Recht auf ein eigens dem Menschen zustehendes Geschlecht, sondern alle Menschen könnten wählen, wieder und wieder wählen, sie wurden lauter während sie schrien und sich entblößten.
Wählen, wählen.
Hineingezogen in den Sog. Ich sah, wie sie verschwanden gestikulierend.

Ich sah Kirchenleute mittendrin, die erklärten, wie das alles harmonisch passt und (Gott) sich anpasst und alles in die heutige Zeit passt und die Bibel auf die Zeit erklärt werden müsste, so dass sich alles fügt in ein gemeinsames großes Ganzes, passend zur heutigen Kultur. Sie lächelten und segneten und ergötzten sich an der Lobrede der Befreundeten.

Ab und an ein paar Dissidenten. Der Sog wurde je näher, umso lauter. Er wirbelte Staub auf wie ein Mähdrescher. Menschenmengen zog es in ihn hinein.

Eilend lief ich nebenher, nun wieder in Richtung des Sogs. Es gab kein Aufbäumen, keinen nennenswerten Widerstand. Die Kirche wirkte wie eine Ordnungsmacht auf dem Weg ins Maul des saugenden Ungetiers. Die Kirche…

Dann sah ich Klimabesorgte, die sich Vulkanasche aufs Haupt gestreut hatten. Sie schrien, „wehe, wehe, wir vergehen“, ich fragte sie „wovor habt ihr Angst, was ist mit euch los? Warum wollt ihr nichts mehr essen, nicht mehr trinken, was macht euch denn Angst?“
Und sie erklärten mir, dass das Klima kollabiert und sie Angst hätten davor.
Dass das Klima keinen Menschen übrig lässt, erklärten sie mir, während sie an mir vorbeizogen. Ich sah ihre Angst und ihre Haut, sie drängten an mir vorbei -„Habt ihr nicht Angst vor Gott?“ „Welcher Gott“, verhöhnten sie mich, „welcher Gott?“
Sie verstanden mich nicht, ich sprach eine andere Sprache, ich kam aus einer anderen Welt. Ich teilte nicht ihre Bedenken. Sie wurden wegen mir ärgerlich.
„Der Acker, schau dir hier den Acker an, die Erde, sie bringt keine Frucht. Es sind Steine auf der Erde und die Frucht wird uns nicht gegeben.“ grunzten sie mich an. Ich verstand ihren Antrieb, ihre Sorge.

Blutunterlaufene Augen, sie knieten nieder, verbeugten sich vor ihrem Götzenbild.
Es zog sie hinein in den Sog. Der Sog war das Übliche, der mainstream, dem niemand widersprach.

Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht. Hab ich euch nicht gesagt, ich gehe hin, für euch eine Wohnung vorzubereiten? Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Diener gekämpft. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. In der Welt habt ihr Angst, aber lass dich trösten, ich habe die Welt (+ die Angst) überwunden.

Je näher ich an die Quelle des Lärms trat, umso heftiger der Sog, ein Stimmengewirr, ein Einheitsbrei, eine vorgefertigte Meinung. „Geh weg!“

Vorne schwoll die Geräuschkulisse an zu einem hysterischen Lärm. Ich sah Nackte auf der Parade, Menschenmassen, jubelten ihm zu: Ein Schwein auf der Parade, darauf saß eine Königin, sie ließ sich verehren und bejubeln.

4 Gedanken zu „Der große Sog“

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